Ullrich Weber

STÄRKUNG DER SOZIALKOMPETENZ DES EINZELNEN

- ein Erfahrungsbericht aus der täglichen Arbeit in der Schlaganfall Selbsthilfegruppe Burgdorf / Lehrte / Peine und zu einem unserer "alternativen" Projekte.

 

Schlaganfall-Selbsthilfe,

was ist das grundsätzlich und welche Bedeutung hat sie für uns?

Wie in allen Selbsthilfegruppen finden sich auch bei uns Menschen zusammen, die erkannt haben, dass es einfacher ist oder sein kann, wenn man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und sich in einer Gemeinschaft Gleichbetroffener austauscht.

Auch zu uns kommen die Menschen mit ganz unterschiedlichen Motivationen. Eins allerdings unterscheidet uns von vielen anderen Gruppen und Initiativen im Selbsthilfebereich. Kommen doch dort die Menschen zusammen, weil sie ein gemeinsames Problem haben, weil sie an der gleichen Krankheit leiden, oder aber, weil sie sich in einer speziellen Lebenssituation befinden. Zu uns kommen in der Mehrzahl Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben und an den Folgen leiden. Sie haben somit ein gemeinsames Problem und befinden sich, ausgelöst durch dieses Ereignis, den für viele Betroffene unvorhersehbaren Schlaganfall, plötzlich in einer anderen, ganz speziellen Lebenssituation.

Schlaganfall - Betroffene sin Menschen, denen von heute auf morgen der Boden unter den Füßen weggerissen wurde.

Ungeduld und Unzufriedenheit,

oft der tiefe Sturz ins schwarze Loch,

Hoffnungslosigkeit,

Angst nicht mehr zu funktionieren,

Angst nicht mehr gebraucht zu werden,

Depression,

die verständliche Suche nach Halt,

alles von anderen Betroffenen durchaus nachvollziehbare Empfindungen und Vorgänge, die aber selbstverständlich nicht nur den Patienten selbst betreffen.

Bei der Pflege und Betreuung von Schlaganfall - Patienten wird sehr schnell deutlich, dass viele Angehörige mit der meist plötzlich eintretenden Problemsituation überfordert sind. Verhaltensänderung des Betroffenen! Wer kann mir jetzt helfen?

Auch diese Aufgabe versucht unsere Selbsthilfegruppe zu erfüllen. Ziel der Gruppe ist es, Schlaganfall - Patienten und deren Angehörige im weitesten Sinne zu ‘betreuen’ und zu beraten, sie zu ihrer oftmals kräftezehrenden Arbeit zu ermutigen und ggf. auch zu begleiten.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation von 2008, erleiden jedes Jahr 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall. Dieser ist die Hauptursache von Berufsunfähigkeit und Langzeitbehinderung – unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder Herkunftsland. Alle sechs Sekunden stirbt ein Mensch an einem Schlaganfall - das sind mehr als fünf Millionen Todesfälle im Jahr. Somit sind Schlaganfälle weltweit jährlich für mehr Todesfälle verantwortlich als Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen. Zusätzlich haben Schlaganfälle eine enorme individuelle, aber auch eine große volkswirtschaftliche Bedeutung: Durch die Behinderung nach einem Schlaganfall und durch die Einschränkung der Belastbarkeit entstehen für den Betroffenen und seine Familie unvorhersehbare schwere Einbußen der Lebensqualität. Die Erkrankung verursacht hohe Kosten durch Krankenhausbehandlung, Rehabilitation, Arbeitsausfall und Erwerbsunfähigkeit. Hinzu kommen enorme Folgekosten durch Behinderung und Pflegebedürftigkeit. Die Folgen eines erlittenen Hirninfarktes stellen somit nicht nur für die Betroffenen selbst und deren Angehörige, sondern auch für die gesamte Gesellschaft eine erhebliche Herausforderung dar. Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Erkrankungen in der Bundesrepublik und sehr oft Ursache für Pflegebedürftigkeit. Stroke Unit (eine spezialisierte Schlaganfall-Station) und Reha sind nur der Anfang einer langwierigen Rehabilitation, die auf Dauer weitergeführt werden muss.

Einer von sechs Menschen ist gefährdet, einen Schlaganfall zu erleiden – es kann Jeden treffen!

Wir sind uns des Vorgenannten bewusst und nutzen öffentliche Veranstaltungen immer wieder auch dazu, auf Risikofaktoren und Anzeichen (Warnzeichen) eines Schlaganfalls hinzuweisen. Gern bieten wir unsere Hilfe an, ob es um Prävention geht, ob es um konkrete Fragen zum gewesenen Schlaganfall geht, darum zuzuhören oder darum zu helfen. Vorrangig ist es zu lernen, die Krankheit und deren Folgen zu akzeptieren und die den Patienten verbliebenen Möglichkeiten optimal zu nutzen und zu fördern.

 

So verstehen wir uns, so sehen wir den Menschen

Jedem bzw. Jeder kann geholfen werden, Sie müssen sich nur helfen lassen. Im Vordergrund steht bei uns das Gespräch und die gegenseitige Unterstützung in der Gruppe.

Im Rahmen unserer Selbsthilfegruppenarbeit fällt immer wieder auf, dass eine große Anzahl Betroffener, auch wenn die körperlichen Einschränkungen wieder weitgehend abgeklungen sind, recht hilflos dem "Tagesgeschäft" gegenüber steht.

Unserem selbst gegebenen Motto - wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber dem Tag mehr Leben - folgend, möchten wir diesen Menschen unterstützend helfen, ihre täglichen Verrichtungen selbstständig zu erledigen.

Dieses Motto, bzw. die Konsequenz daraus, hat mich vor etwa acht Jahren bewogen in meinem Wohnort, nach Bedarfsabfrage in der örtlichen Presse, eine Schlaganfall-Selbsthilfegruppe zu gründen. Einige Menschen, Betroffene und Angehörige, meldeten sich und mit den selbst gegebenen Zielen, welche wir während des ersten Treffens in größerer Runde, wir waren damals etwa 20 Personen, absteckten, war unsere Gruppe ins Leben gerufen. Schon unmittelbar nach Erscheinen des Zeitungsartikels fragten Mitglieder der Lehrter Gruppe an, ob Sie sich uns anschließen könnten. So geschehen fanden wir uns zusammen. Nach Klärung einiger unumgänglicher organisatorische Dinge gingen wir daran uns eine SHG "zu basteln". Uns war klar, dass wir eine Gruppe für Alle sein wollten. Eine Gemeinschaft mit starkem Zusammengehörigkeitsgefühl in der sich Schlaganfall Betroffene, Angehörige, Freunde Betroffener, Nachbarn und am Thema Interessierte wohlfühlen und austauschen können. Wir wollten Jedem die Möglichkeit geben von eigenen Erfahrungen zu berichten und aus den Erfahrungen Anderer zu lernen.

Wir wussten, und das haben wir auch sofort jedem neu hinzu gekommenen vermittelt, jede Gemeinschaft lebt vom Engagement der ihr angehörenden Gruppenmitglieder und dem, was der Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten einbringt.

Die wesentlichen Grundlagen bzw. getroffenen Absprachen während der Konstituierung unserer Schlaganfall – Selbsthilfegruppe waren und sind:

- Gleichberechtigung - Eigenverantwortlichkeit - und Gruppenverschwiegenheit -

Unsere Selbsthilfegruppe ist eine Gemeinschaft gleichberechtigter Partner. Wir haben uns zusammengeschlossen im Wissen, dass sich alle in einer ähnlichen Lebenssituation befinden. Jeder bestimmt selbst, was er tun möchte und was nicht. Niemand kann für sein Tun und Handeln ein anderes Gruppenmitglied verantwortlich machen. Die Schweigepflicht betrifft all das, was man selbst in der Gruppe mitteilt und selbstverständlich auch alles, was andere in der Gruppe berichten.

Besonders wichtig war uns im Bezug auf die Gruppe auch die Eigenständigkeit und die Unabhängigkeit. Betroffene sind in diesem Punkt besonders sensibel. Wurde doch viel zu oft, während sie selbst, auf Grund des Schlaganfalls, nicht in der Lage waren überhaupt oder auch nur schnell genug zu reagieren, über sie, statt mit ihnen geredet. Eine Unsitte die leider auch in vielen Kliniken und Rehabilitationszentren immer noch viel zu verbreitet ist. Dieses unüberlegte Verhalten führt Betroffenen immer wieder vor Augen, dass das Ereignis Schlaganfall sie herausgerissen hat, dass sie nicht mehr dazu gehören und verstärkt ihre Unsicherheit. Eine Unsicherheit die sehr viele Facetten hat und sehr individuell ist.

Nicht nur sie selbst sind nach dem Schlaganfall verunsichert und fragen sich wer sie sind, auch ihre Umgebung behandelt sie anders als zuvor. Dieses Verhalten von Außenstehenden in einer Situation eigener Unzufriedenheit und Zukunftsangst bewältigen zu müssen, ist für eine große Anzahl Betroffener wie eine unüberwindbare Wand. Hoffnungslosigkeit, das Gefühl nicht mehr anerkannt zu sein, der Sturz ins >schwarze Loch<, Begrifflichkeiten die von jedem Betroffenen anders gewertet, gleichwohl aber von allen empfunden werden.

Viele fühlen sich mitten aus dem Leben gerissen und suchen daher Rat – besonders bei Fragen zur beruflichen Reintegration oder zu auftretenden Konflikten in der Familie oder Partnerschaft.

Abgesehen von den körperlichen Einschränkungen, wie Lähmungen, Gleichgewichtsstörungen etc. hat der Schlaganfall für jüngere Betroffene vor allem eine folgenschwere psychosoziale Bedeutung.

Oftmals wird die Lebensplanung von einem auf den anderen Tag zerstört

 

Schon bald bildete sich in unserer Gruppe ein aus mehreren Personen bestehender Vorbereitungskreis. Verantwortung für Einzelbereiche wurde verteilt und mancher fühlte sich dadurch mehr wahrgenommen . " Endlich werde ich mal wieder gebraucht und auf meine Aussage, mein Urteil wird Wert gelegt." Etwas, was für viele Betroffene zu einer enormen Steigerung des Selbstwertgefühls führte, nachdem die Anerkennung durch ihre berufliche Tätigkeit, aber auch die im Freundes- und Bekanntenkreis und oftmals leider auch innerhalb der Familie von heute auf morgen durch das Ereignis Schlaganfall weggebrochen war.

Wir, die kleine Gruppe unseres Vorbereitungskreises, beschäftigen uns bereits teilweise seit Jahren auf Grund eigenem Erlebens mit den Themen Schlaganfall und den daraus resultierenden Schlaganfall - Folgen. Mit Hilfe unserer Ärzte, des Pflegepersonals in den Kliniken, mit Hilfe unserer Therapeuten und natürlich auch mit Unterstützung durch unsere Familien, haben wir uns wieder ein Stück Selbständigkeit und damit Lebensqualität zurückerobert. Eine Selbstständigkeit, die eine andere ist, als die vor dem unbekannten und nicht zu verstehenden Ereignis.

In den Aussagen junger Menschen nach Schlaganfall im Buch von Ursina Rosenberger finden sich viele Betroffene wieder. Ganz häufig hören wir diese Aussage: Vor dem Schlaganfall war es für mich Alltag, viele unerledigte Dinge im Kopf zu speichern und zu planen. Nun ist es oft so, dass mehr als ein Termin täglich zu Überforderung führt. Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Empfindlichkeit bei räumlicher Enge, Angst zu versagen, Angst etwas zu vergessen - Ruhe und Zeit, das ist es, was viele Betroffene jetzt brauchen.                      

Die beschriebenen Empfindungen münden häufig in der Aussage:

Ich brauche das Alleinsein - Gleichzeitig fühle ich mich einsam                                                                     

Für Außenstehende sicherlich ein Widerspruch, für uns Normalität!

Es werden die unterschiedlichsten persönlichen Verarbeitungsstrategien, wie Distanzierung, Flucht oder Verdrängung entwickelt, wir kennen sie. Dass wir uns heute dieser Aufgabe hier stellen können und dass es uns verhältnismäßig gut geht, liegt aber vor allem am starken Willen des Einzelnen, es schaffen zu wollen. Hierbei können wir Hilfestellung geben. Die Kraft aber muss jeder Betroffene selbst aufbringen. Ein unglaublich schwerer Weg für den Patienten und die Angehörigen.

 

Als Betroffene kennen wir die vielfältigen Probleme im privaten wie im beruflichen Bereich, selbstverständlich auch die häufig sichtbaren, also physischen, aber auch die nicht so offensichtlichen Einschränkungen der Gesundheit und die damit verbundenen psychischen Belastungen. Wir können uns einfühlen in die Situation anderer Schlaganfall - Betroffener und ihrer Angehörigen. Mit unseren vielfältigen Erfahrungen, aber auch mit unseren Tipps beispielsweise zur Rehabilitation, zu Risikofaktoren, zu Beruf, zu Partnerschaft oder zum Umgang mit Behörden, aber auch zu vermeintlich einfachen Dingen, wie der Planung eines Ausfluges oder einer Reise wollen wir dazu beitragen, dass jede und jeder Betroffene sich selbst weiterhin als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sieht, egal wie stark die Einschränkungen auch sind. Das Selbstwertgefühl zu stärken ist für uns eine sehr wichtige Aufgabe!

 

Wie gestalte ich mein Leben

Alle müssen lernen sich den veränderten Lebensumständen zu stellen. Nichts ist schlimmer als sich selbst aufzugeben. Häufig ist es daher auch unsere Aufgabe einfach nur einmal zuzuhören. Selbstverständlich informieren wir auch über spezielle mit dem Schlaganfall zusammenhängende Themen. Natürlich wollen wir aber auch den Erfahrungsaustausch zwischen den Betroffenen fördern und die erfahrungsgemäß sehr schnell abgebrochenen sozialen Kontakte wieder aufbauen helfen. Gerade bei Menschen die vom Schlaganfall während ihrer Berufstätigkeit betroffen werden, fehlt die Anerkennung, die in unserer Gesellschaft häufig aus der Berufstätigkeit und dem damit zusammenhängenden Erfolg bezogen wird. Das Selbstbewusstsein sinkt in den Keller. Wir bieten unsere Hilfe an, diesen Menschen zu zeigen, dass das Leben weitergeht.

Jedes Jahr erleiden in Deutschland ca. 250.000 Menschen einen Schlaganfall. Durch die Beeinträchtigung wichtiger Hirnfunktionen verändert sich das Leben von einem Tag zum anderen. Der Betroffene ist plötzlich natürlicher und erlernter Fähigkeiten beraubt. All das, was an automatisierten und erlernten Vorgängen ablief und somit selbstverständlich war, muss häufig neu erlernt werden. Wir wissen, dass Selbsthilfe aus dem Gesundheitssystem und aus dem gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Von Betroffenen - für und mit Betroffenen wird in Selbsthilfegruppen gearbeitet, und das ist eben das besondere an dieser Arbeit. Wir wollen durch unsere Arbeit, bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen die durch das Ereignis Schlaganfall entstanden sind, helfen. Um die notwendige Kraft zu entfalten und den vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden, brauchen wir Ideen und die engagierte Mitarbeit der Betroffenen selbst, aber auch die Hilfe durch selbsthilfefördernde Strukturen. Wir sind auf ideelle und finanzielle Unterstützung unserer täglichen Arbeit angewiesen. Wie uns die verschiedenen Interpretationen einiger gesetzlicher Krankenkassen bezüglich der Neuregelung der Förderung der Selbsthilfe im Sozialgesetzbuch V zeigen, ist die angedachte Vereinfachung und vor allem eine Transparenz der Förderung im Zuge der Gesundheitsreform 2007 (GKV-WSG) aus unserer Sicht leider verfehlt worden.

Da die wirtschaftlichen Verhältnisse in direktem Zusammenhang mit einer Berufstätigkeit stehen, wird vielen Familien nach einem Schlaganfall auch diesbezüglich die finanzielle Grundlage entzogen. Auch ein Grund, warum es in unserer Gruppe keinen Mitgliedsbeitrag gibt. Wir gestalten unsere Arbeit ausschließlich aus Spenden der Mitglieder, aus Fördermitteln der Stiftung Deutsche Schlaganfall - Hilfe, aus der Pauschal- und Projektförderung der gesetzlichen Krankenkassen und mit ganz viel persönlichem Engagement.

Dieses Engagement, dieser persönliche Einsatz eines jeden einzelnen Mitgliedes unserer Gruppe wirft immer wieder Fragen auf, gibt aber auch immer wieder Antworten durch gelebtes Miteinander.

Selbsthilfegruppenmitglieder helfen und unterstützen andere Betroffene bei der Lebensbewältigung. So entstand vor zwei Jahren die Idee zu einem unserer Projekte. Der Schlaganfall ist ein Wendepunkt, ein Markstein im Leben der Betroffenen und es gibt für die Betroffenen ein Leben vor und ein Leben nach dem Schlaganfall.

 

Projekt:  - STÄRKUNG DER SOZIALKOMPETENZ DES EINZELNEN -

AN DIE HAND NEHMEN - Der Projektname ist für uns Programm

Wir wollten unseren Gruppenmitgliedern ermöglichen, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es selbst sich vorstellen. Ihnen zu ermöglichen, in kleinen Schritten zurück ins Leben zu finden ist eines unserer Ziele.

Unser Ansatz ist zu helfen, die Angst zu überwinden und zu einem selbstbestimmten Leben zurück zu kehren. Verloren gegangene soziale Kontakte auch außerhalb der Gruppe sollen wieder aufgebaut werden. Wir wollen dafür sorgen, dass Betroffene, ausgestattet mit einem gesunden Selbstbewusstsein, selbst wieder aktiv werden und im Rahmen ihrer Möglichkeiten am Leben in der Gemeinschaft teilnehmen.

Da es sich bei der vorgenannten Projektidee um etwas Neues, im Grunde aber auch um eine originäre Aufgabe einer Selbsthilfegruppe handelt, nämlich gegenseitige Hilfe und Unterstützung, war es sehr schwierig diesen neuen Ansatz im Rahmen der Selbsthilfeförderung schlüssig zu vermitteln. In unserem Vorbereitungskreis kursierte die Idee schon lange vor ihrer Umsetzung. In kleinen Schritten wurde erprobt die Idee umzusetzen. Durch die große Unterstützung eines Gruppenmitgliedes wurde uns vor Augen geführt, dass einem anderen Menschen mit Mobilitätseinschränkung und wenig selbstbewusstem Auftreten nach einiger Zeit Dinge möglich wurden, die ihm vorher unmöglich erschienen. Fehlende finanzielle Mittel verhinderten leider weitere diesbezügliche Aktivitäten. Wir wollten diese Arbeit aber unbedingt weiterführen, da wir von ihrem Erfolgt überzeugt worden sind. Eine Lösung musste her und wurde im Rahmen der Projektfinanzierung der Gesetzlichen Krankenkassen schließlich auch gefunden. Etwas Konkretes zu beschaffen, ein Banner für die Selbsthilfegruppe zum Einsatz auf dem nächsten Selbsthilfetag oder die Kosten im Zusammenhang mit der örtlichen Veranstaltung anlässlich des Tages gegen den Schlaganfall, alles Dinge die fassbar sind und sich gut eignen für einen Projektantrag. Arbeit mit Betroffenen aber, die zum Ziel hat ihre Selbstständigkeit zu fördern und im Idealfall Folgekosten spart und damit die Krankenkassen und somit die Allgemeinheit finanziell entlastet, war da schon schwieriger in einem Antrag zu beschreiben. Die Formulierung des GKV-Spitzenverbandes lautet: Anträge, die auf die direkte Ressourcenstärkung der Betroffenen oder ihrer Angehörigen abzielen, sollen zudem eine Aussage treffen, inwiefern durch die Maßnahme/das Projekt die Autonomie der Be­troffenen oder ihrer Angehörigen gestärkt werden kann. Diese Formulierung schreckt nach unserer Erfahrung bislang viele Gruppen ab, sich diesem Procedere zu unterziehen und waghalsige Prognosen abzugeben.

Dennoch, wir waren und sind davon überzeugt, dass unser nachfolgend kurz beschriebenes Hilfsangebot eine von vielen Betroffenen gern angenommene Ergänzung zur Wiedererlangung von Selbstständigkeit darstellt. So begannen wir mit dem Versuch, das auch den Krankenkassen zu vermitteln.

 

Unsere Projektidee enthielt unter anderem folgende Ansatzpunkte:

> an die Hand nehmen < - Zug, Bahn und Bus wieder allein und ohne Angst nutzen lernen. Wir ergründen den Bedarf und zum vom Betroffenen selbst gewählten Termin (zurück zur Eigenständigkeit - ich bestimme selbst) unternimmt dieser mit einer Begleitperson gemeinsam eine Bus- oder Bahnfahrt (Lernprozess - es hat sich zwischenzeitlich einiges geändert: Die Haltestelle wurde verlegt, aber ich erreiche sie trotzdem. Die Abfahrtzeiten haben sich geändert. Die Fahrpreise sind erhöht worden, doch mein Begleiter ist dabei, stärkt mich, sodass der Fahrer geduldig wartet, bis ich meinen Fahrschein hervorgeholt habe. Es geht alles etwas langsamer, aber es geht. Für den Weg zur Haltestelle brauche ich jetzt doppelt so viel Zeit aber ich komme an. Ich kann etwas weitestgehend eigenständig, zukünftig vielleicht wieder ganz allein erledigen. Ziel ist es, dass der Angeleitete sich bewusst macht, diese Fahrt wieder allein bewältigen zu können, vielleicht erst nach der dritten >Probefahrt<, aber dann auf Dauer).

> an die Hand nehmen < - Wege zu den individuell wichtigen Institutionen und Einrichtungen wie Arzt, Verwaltungsstellen oder Post erst einmal gemeinsam gehen. Hier ist nicht nur die reine Begleitung notwendig, sondern, wenn vom Betroffenen gewünscht auch die Schulter des Begleiters, wenn mal nicht alles wunschgemäß verläuft (Erkenntnis: Ich werde auch mit meiner Einschränkung akzeptiert und kann zukünftig mit diesem Bewusstsein wieder forscher auftreten)

> an die Hand nehmen < - gemeinsam einkaufen; Markt und Einzelhandel wieder erlebbar machen. Ein Ereignis, das viel mit selbstbestimmtem Leben zu tun hat, etwas ganz anderes als die bestellte Lieferung an der Wohnungs- oder Haustür entgegen zu nehmen (ich werde trotz meiner Langsamkeit und meiner immer noch vorhandenen Unbeholfenheit akzeptiert und als Kunde zuvorkommend behandelt).

> an die Hand nehmen < - mit einem Begleiter im Hintergrund lernen Barrieren zu überwinden, die sich vor einem Betroffenen aufbauen, wenn er sich z.B. nur mangelhaft ausdrücken kann. (ich bemerke, dass die Akzeptanz meines Gegenübers auch da ist, wenn es an der klaren Aussprache oder der Wortfindung mangelt. Zukünftig werde ich auch wieder allein nach nicht sofort auffindbaren Artikeln fragen und nicht irgend ein Ausweichprodukt kaufen).

> an die Hand nehmen < - praktisch klar machen, dass auch Jemand, der wegen seiner körperlichen Einschränkungen nicht immer und in jeder Situation in der Lage ist, sich angepasst zu verhalten, dennoch als Gast und gern gesehen ist.

> an die Hand nehmen < - Begleitung ins Theater oder Kino. Etwas, was häufig älteren Alleistehenden schon schwer fällt, für Schlaganfall - Betroffene oftmals selbst in Begleitung Schwierigkeiten mit sich bringt. Große Menschenansammlungen, vielleicht noch ein Sitzplatz in der Reihenmitte und ein hoher Geräuschpegel dazu. Eigentlich ist es manchem Betroffenen schon bei der Vorstellung unwohl, aber möchte es auf Dauer dieses Erlebnis verzichten?

 

Unser Projektziel war und ist es durch diese Art von innovativer Hilfe zu erreichen, das die “angeleiteten Personen“ wieder ihr altes Selbstbewusstsein zurück erlangen bzw. neues Selbstbewusstsein entwickeln und somit selbstständiger ihren Alltag gestalten lernen.

Wir wissen, dass Menschen mit erworbenen Einschränkungen genau die gleichen Wünsche und Bedürfnisse haben wie vor dem Ereignis Schlaganfall und wollen ihnen helfen diese Wünsche zu erfüllen. Dazu wiederum brauchen auch wir Hilfe und so sind wir den Krankenkassen sehr dankbar, die unser Projekt trotz schwieriger Abschätzung des Finanzbedarfes unterstützt haben. Projekte dieser Art sind nur mit großem persönlichen Einsatz der Begleiter zu realisieren und dafür gebührt Ihnen große Anerkennung.

 

Angaben zum Autor:

Ullrich Weber hat, 48 jährig, vor etwa 10 Jahren während eines Auslandaufenthaltes einen Schlaganfall erlitten. Berufliche- und auch langjährige kommunalpolitische Tätigkeit waren von einer Minute zur anderen nicht mehr ausführbar. Nach Höhen und Tiefen (es waren ganz viele Tiefpunkte) wieder weitestgehend hergestellt, gründete er 2004 eine Schlaganfall Selbsthilfegruppe und tauschte sich dort mit Gleichbetroffenen aus. Eine Erkenntnis dieser intensiven Gespräche war es, Erfahrungen weiter geben zu wollen und Mut zu machen. Im Rahmen diverser Veranstaltungen zum Thema wurde Betroffenen wie auch Angehörigen versucht aufzuzeigen, dass das Leben auch nach dem Ereignis Schlaganfall zwar anders, aber durchaus lebenswert, gestaltet werden kann. Derzeit ist er Vorsitzender des Schlaganfall Landesverbandes Niedersachsen und versucht seit langem mit Aufklärungsarbeit in Form von Vorträgen, Menschen davor zu bewahren gleiche Erfahrungen machen zu müssen.

 

wichtige Info:

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unsere nächsten Termine: 

 

04. bis 07. Oktober

REHACARE  in Dssd.

Sie treffen uns auf jeden Fall am 5. und 6. Oktober ab 10.00Uhr am Stand der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe             in Halle 6 (E59) 

Wir freuen uns auf Sie als Besucher. 

 

am 02. November trifft sich der Vorstand des SLN um 10.00Uhr zu einer Sitzung in der ver.di Bildungsstätte in der Sunderstr. 77 in 29664 Walsrode.   Gern erwarten wir Sie als Gäste am frühen Nach-mittag ab 14.00Uhr zu einem Gedankenaustausch. Sie sind uns herzlich willkommen.

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